Zwischen Großstadtpuls und Urwaldmagie
Vorinformationen
Hätten wir nicht diese Einladung zu einer Hochzeit in Rio de Janeiro bekommen, wären wir im Traum nicht darauf gekommen, nach Brasilien zu reisen. Aber wenn schon, denn schon! Wir nehmen die Einladung an, buchen eine Reise nach Rio und schließen, wenn wir schon einmal da sind, noch eine Exkursion in den Regenwald in der Nähe von Manaus an. Es war von Anfang an klar, dass wir professionelle Beratung und im Land eine rundum gute Betreuung brauchen würden. Weder meine Tochter noch ich selbst waren jemals in einem südamerikanischen Land gewesen, wir sprechen (nach wie vor) kein Wort Portugiesisch oder Spanisch, wir sind keine erfahrenen Globetrotter. Im Internet finden wir den Anbieter RuppertBrasil und dort sind wir vom ersten persönlichen Gespräch an in guten Händen. Unsere individuellen Wünsche und finanziellen Möglichkeiten stehen jederzeit im Fokus. In den Wochen vor Reiseantritt bekommen wir zahlreiche Informationen, ausführliche Beschreibungen der Unterkünfte und geplanten Tagesprogramme, Hinweise, Vorsichtmaßnahmen, Empfehlungen. Wir fühlen uns in jeder Hinsicht sehr gut beim Anbieter aufgehoben!
Die Reise und der Aufenthalt in Rio
Mit Rücksicht auf unseren Geldbeutel hatten wir uns für Nachtflüge von Lissabon nach Rio de Janeiro und auf dem Rückweg von Manaus nach Lissabon entschieden. Im Nachhinein würde ich (fast 70 Jahre alt) eher für Flüge am Tag plädieren, meine Tochter (Anfang 30) erholte sich in den Folgetagen schneller vom Schlafmangel, der dadurch entstanden war. Entscheidend für die trotzdem recht entspannten Nächte war die Platzwahl bei den Langstreckenflügen, zu denen seitens der Reiseberatung dringend geraten worden war. Besten Dank!
In den wenigen Tagen, die uns in Rio neben den Hochzeitsaktivitäten bleiben, erwartet uns ein ausgewogenes, mit Bedacht organisiertes Programm. Wir sehen alles, was man als deutscher Tourist so sehen muss, fahren zu „Christus dem Erlöser“, auf den „Zuckerhut“, zur bunten Treppe „Escadaria Selarón“, unser Hotel liegt sowieso direkt am unteren Ende der Coppa Cabana, sodass wir jeden Tag an den berühmten Stränden flanieren. Bei unserem Reiseleiter vor Ort können wir noch Wünsche äußern, sowohl Ricardo als auch der Fahrer Gui versuchen möglich zu machen, was nur geht. Wir bekommen Empfehlungen für Restaurants unterschiedlicher Küchenrichtungen oder für einen Bäckerladen direkt um die Ecke, den wir vielleicht gar nicht entdeckt hätten. Da es wirklich, WIRKLICH!, unmöglich ist, in den Straßen oder Restaurants jemanden zu finden, der Englisch spricht, wären wir ohne die beiden kaum zurechtgekommen.
Nach einer Woche Rio klappt der Transfer zum Flughafen genauso hervorragend wie die Abholung am Tag der Ankunft. Es ist an alles gedacht, unser Name auf einem Schild bei der Anreise, Rücksicht auf die Verkehrsverhältnisse bei der Abreise. Unsere Reiseleiter sind IMMER pünktlich, wir haben NIE Stress mit den Zeiten, sie wissen, wann man sich vor allen anderen Touristen zur Christusstatue aufmachen sollte oder wann die historische Bahn zum Zuckerhut noch problemlos Sitzplätze zur Verfügung hat.
Die erste Hälfte unserer Reise war ein großer Erfolg! Das eigentliche Abenteuer beginnt allerdings in Manaus. Als wir aus dem klimatisierten Flugzeug in die schwülwarme Nachtluft aussteigen, kommen zunächst alle Bedenken wieder hoch, ob ich auf diesen Teil der Reise nicht doch besser verzichtet hätte. Am Ende hatten sich sämtliche Zweifel zerstreut. Es wurde eine Erfahrung fürs Leben.
Manaus und der Regenwald
Wir werden mitten in der Nacht vom erfahrenen Guide Franzisco vom Flughafen in Manaus abgeholt. Später erzählt er uns, dass er schon Helmut Kohl bei einem Aufenthalt in der Stadt betreut hat. Das Hotel ist, wie es von der Reiseagentur beschrieben wurde – nicht modern, aber stilvoll und mit viel Charm möbliert erinnert es daran, wie es zur großen Zeit als Monopole der Gummiproduktion in der Stadt gewesen sein muss. Das berühmte Opernhaus liegt direkt um die Ecke. Die familiäre Atmosphäre und freundliche und entgegenkommende Art der Hotelleitung hilft über Sprachbarrieren hinweg.
Am nächsten Morgen werden wir zur Fahrt in den Regenwald abgeholt. Sie beginnt in einem klimatisierten Van mit englischsprechender Begleitung, findet ihre Fortsetzung mit einem abenteuerlichen „Ritt“ in einem kleinen Motorboot über die Grenze zwischen Rio Negro und Rio Solimoes hinweg, geht zeitlich gut geplant über zu einer spannenden Fahrt in einem alten VW-Bulli (ALLE Fahrzeuge, die wir unterwegs sehen, sind alte, weiße VW-Bullis!) und endet am Ufer des Amazonas. Dort werden wir von Titan, unserem Guide für die Tage im Regenwald, in einem kleinen Motorboot abgeholt und schon auf der geruhsamen Fahrt zur Amazon Eco Lodge zeigt sich, jetzt sind wir wirklich in einer anderen Welt angekommen.
Es ist sicherlich Zufall, dass wir zu dieser Jahreszeit die einzigen Touristen in der Lodge sind, dass wir ab jetzt offline sind, haben wir allerdings in der Reisebeschreibung übersehen, eine letzte kurze Nachricht an die Familie in Deutschland über Titans Handy („Wir werden nun tagelang nichts von uns hören lassen.“) und dann sind wir „allein“. Ein junger Mann, der an der Bar sitzt, und ein Koch kümmern sich um uns, Titan holt uns zu Exkursionen ab. Unsere freie Zeit verbringen wir in Hängematten, wir schwimmen, lernen das Paddeln, lesen viel, hören nachts die Brüllaffen, gewöhnen uns daran, dass unser Zimmer keinen Schrank, keinen Stuhl, keine Klimaanlage hat. Letzteres wäre auch sinnlos, es gibt keine Glasscheibe im großen „Fenster“, nur ein engmaschiges Gitter. Wir schauen auf das Wasser, hängen unseren Gedanken nach, warten, wir sind nicht faul, wir haben Muße.
Unternehmungen mit Titan und einem zweiten Bootsfahrer: Eine kleine Wander-Tour durch den Regenwald, (dass Titan mit einer Machete voranschreitet, beunruhigt zunächst ein wenig, aber er ebnet uns Wege, ritzt Bäume an, die Säfte gegen alle möglichen Krankheiten produzieren, flechtet uns zwei Fächer aus nie gesehenen Urwaldpflanzen – wir fühlen uns absolut sicher in seiner Begleitung). Wir fischen erfolgreich Piranhas aus dem Amazonas, in dem wir tags zuvor geschwommen sind, wir besuchen eine noch sehr naturverbunden lebende Familie, abends erwartet uns eine Boa Constrictor im Essraum – was die Menschen, die uns betreuen, wenig schockiert, also uns auch nicht.
Wenn ich an die Reise zurückdenke, dann – wie erwartet – an die Strände und Sehenswürdigkeiten in Rio oder Manaus (Reiseveranstalter und kompetente Guides haben dafür gesorgt, dass wir wirklich alles gesehen haben, was man in der kurzen Zeit, die wir dort verbrachten, sehen konnte), aber es sind – kaum erwartet – vor allem die Tage im Regenwald, die in lebhafter Erinnerung bleiben werden.
E. N.